MERKwürdiges und DENKwürdiges aus dem Ruhrgebiet

Hildebrandt und Willemsen auf dem Zeltfestival Ruhr

Die Aussicht, die Kabarettlegende Dieter Hildebrandt gemeinsam mit dem Publizisten Roger Willemsen in ihrem Programm „Weltgeschichte der Lüge“ zu erleben, hatte mich spontan dazu bewogen, die Anfahrt zum Zeltfestival Ruhr auf mich zu nehmen, zumal noch kurzfristig Karten an der Abendkasse angeboten wurden. Es war der letzte Tag des 17-tägigen Festivals, dass bereits zum vierten Male stattfand und wie in den Vorjahren eine Abfolge prominent besetzter Musik- und Kabarettveranstaltungen bot. Nach Erwerb der Eintrittskarten ging es vorbei an den Kunstgewerbe- und Gastronomieständen direkt ins Zelt der Stadtwerke Bochum. Die Sitzplätze in der 11. Parkettreihe boten zwar nur eine eingeschränkte Sicht auf die Bühne, ich tröstete mich aber mit dem Gedanken, dass weniger die Mimik als vielmehr das gesprochene Wort das Programm dominieren würde. Und in der Tat, kaum waren die beiden Protagonisten auf der Bühne, entfaltete sich ein geistreiches und unterhaltsames Wortgefecht um das Thema Wahrheit und Lüge, angefangen bei der Schlange im Paradies bis hin zu den aktuellen Lügengeschichten in Politik und Gesellschaft. Dabei wurde kein Lebensbereich ausgeklammert und die Lüge verortet sowohl im persönlichen Bereich als auch in wissenschaftlichen, gesellschaftlichen, religiösen und besonders in politischen Zusammenhängen. Auch die wohlmeinenden, teilweise absurden Erziehungsratschläge wurden an den Pranger gestellt. Zweihundert Mal am Tag lügt ein Mensch im Durchschnitt, lernen wir, und die Lüge ist der Kitt der Weltgeschichte. Es gehört zur Kernkompetenz eines Politikers, zu lügen, räsoniert Willemsen, es gibt soviel was der Politiker schlicht nicht sagen darf, sagen kann und was er immer kaschieren muss. Und Hildebrandt legt nach: „Die Opposition im Repräsentantenhaus weist später nach, dass Bush, Powell, Rumsfeld, Rice bei 125 öffentlichen Auftritten 237 irreführende Aussagen über die irakischen Massenvernichtungswaffen gemacht haben, ein Festival der Lüge“. Trotzdem glaubt Willemsen, dass eine Gesellschaft ohne Lüge nicht funktionieren würde, weil man das Gefühl hat, man würde dauernd in das häßliche Gesicht der Wahrheit blicken. Gesellschaftlich sei Überleben nur möglich, wenn man sich gewisser Usancen befleißige, die häufig mit Schmeicheleien und Lügen verbunden sind, mit Kosmetik, mit Make-up, mit kosmetischer Chirurgie sogar, rechtfertigt er die gelegentliche Unwahrheit. Dem Schlagabtausch der beiden Akteure konnte selbst der zeitweilige Starkregen nicht Einhalt gebieten, und ihre besten Momente hatten sie, wenn sie sich vom vorliegenden Text lösten und frei improvisierten. Ein kurzweiliger, zum Nachdenken anregender Abend. Und das ist nicht gelogen.

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