MERKwürdiges und DENKwürdiges aus dem Ruhrgebiet

Ruhrtriennale//Marketplace 76

Zugegeben, ich habe mit mordernem, avantgardistischem Theater wenig Erfahrung und meine Sehgewohnheiten entwickelten sich mehr an hergebrachten Inszenierungen europäischer Klassiker, schon Brecht erschien mir mit seinen Theaterstücken revolutionär und seiner Zeit weit voraus. Was der belgische Performance-Künstler Jan Leuwers im Rahmen der diesjährigen Ruhrtriennale auf die Bühne brachte, war ein Theater der ganz anderen Art: Elemente aus den unterschiedlichsten Künsten wetteifern um die Aufmerksamkeit der Zuschauer; Tanz, Theater, Musical, Puppenspiel, Video und Performance in einer bunten Mischung, dazu der Einsatz von viel Kunstblut und Kunstschnee und aufblasbaren Plastikartikeln. Die mehr als ein Dutzend Schauspieler tummeln sich derweil auf der mit ausgesuchten Requisiten ausgestatteten Bühne, deklamieren ihren Text in ihrer englischen oder französichen Muttersprache, währenddessen die deutsche Übersetzung auf einem Monitor mitverfolgt werden kann.

Der Bühnenraum, in dem sich die Akteure ständig bewegen, ist der Marktplatz (marketplace) einer dörflichen Gemeinde, die just vor einem Jahr von einem tragischen Unglücksfall heimgesucht wurde, einer durch Unachtsamkeit ausgelösten Gasflaschenexplosion, bei der 24 Dorfbewohner den Tod fanden. Nicht nur die Toten, darunter viele Kinder, sind zu beklagen, auch die Überlebenden tragen schwer an Trauer und Trübsal, Verlust und Verzweiflung. Am Jahrestag dieses schrecklichen Ereignisses passiert das nächste Unglück: Oskar, der Sohn der Bäckerin kommt nach einer inzestuösen Handlung durch einen Sturz aus dem Fenster zu Tode. Dann entführt der Klempner Oskars Schwester Pauline in ein Verlies unterhalb des Dorfbrunnens und hält sie dort 76 Tage gefangen. An dem Tag, an dem sie sich endlich aus ihrem Kerker befreien kann, stürzt sich ihre Mutter in den Fluss. Nach der Aufdeckung des Mißbrauches richten die Dorfbewohner den Klempner und töten ihn. Auch die Klempnersfrau Kim-Ho, die von dem Verbrechen wusste, wird verurteilt. 76 Tage eingesperrt in ihrem Haus muss sie für ihr Schweigen büßen. Doch die Männer im Dorf erliegen den Reizen der Koreanerin, sie wird schwanger und bringt am Ende ein Kind zur Welt.

Der Handlungsstrang, festgemacht an den wechselnden Jahreszeiten, wird immer wieder aufgebrochen durch tänzerische und musikalische Einlagen; die Protagonisten, die im Spannungsfeld zwischen Schuld und Sühne agieren, treten aus ihren Rollen und schaffen so Distanz zu den aufgezeigten Grausamkeiten und Gewaltexzessen. So kommentiert der zu Tode gekommenen Oskar als sprechende Handpuppe das Geschehen und der Geist des Klempners streift zuerst als Spinnenmann und später dann als zappelndes Skelett durch die Kulissen. Der Regisseur selbst tritt zeitweise als Erzähler auf und beruhigt sein Publikum angesichts der Horrorvisionen mit dem Hinweis: „Dies ist Theater!“

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